Montag, 20. Dezember 2010

Meine Kinder

Queridos Amigos!

Jetzt sind doch tatsächlich fast 4 Monate vergangen. Ich fühle mich, als ob ich schon Jahre hier wäre. Ich habe mich sehr gut eingelebt und bin jeden Tag aufs Neue von der tollen subtropischen Vegetation, den vielen indigenen Menschen und dem exotischen Essen fasziniert.
Von Elena Tuxtla Dez 2010

und weil´s so lecker ist noch eins:
Von Elena Tuxtla Dez 2010

Meine Arbeit mit den „Straßenkinder“ (meine Jungs) gefällt mir sehr gut. Einige machen tolle Fortschritte und ich freue mich riesig, andere wiederum machen noch gar keine. Da ich immer noch im Heim wohne, verbringe ich noch den ganzen Tag mit ihnen. Das Verhältnis zu den meisten ist super. Allerdings sind einige ziemlich kompliziert und erfordern eine Menge Geduld und Einfühlungsvermögen aber nach und nach kenne ich sie alle und kann ihr Verhalten gut einschätzen.
Von Elena Tuxtla Dez 2010
Seit einer Woche ist ein ungefähr Fünfjähriger bei uns im Heim. Seine Mutter will ihn nicht haben, sie ist überfordert, auch weil der Vater Alkoholkrank ist und so wurde bei uns abgeliefert. Der Kleine kam als ruhiger und schüchterner Knirps an und ich freute mich irgendwie, dass er früh aus den schlimmen Verhältnissen draußen war. Ich hatte das Gefühl, ihn als anständigen Jungen „erziehen“ zu können. Aber falsch gedacht. Nach zwei Tagen waren alle Mühen umsonst denn er hatte sofort die Sitten der anderen angenommen.

Jetzt schlägt er unentwegt, spuckt andere an und beendet jeden noch so kleinen Dialog mit den miesesten Schimpfwörtern. Er hat es auch tierisch schwer. So musste er sich in der hier herrschenden Hierarchie erst mal ganz unten anordnen. Da er ziemlich aufmüpfig ist bekommt er von den größeren, jedes mal wenn sich die Gelegenheit ergibt, eine Ohrfeige oder einen Schlag auf seinen kahl rasierten Kopf. Vormittags beschäftige ich mich Hauptsachlich mit ihm. Es ist nicht leicht, weil er eher wie ein drei jähriger spricht und sich nur schwer länger konzentrieren kann. Er kann keine Farben benennen, kennt keine Zahlen, kann Formen nicht zuordnen und einfache Fragen auch nicht beantworten. Viel weiß ich nicht über seine Vergangenheit aber ganz offensichtlich hat man sich um ihn kaum gekümmert. Nun müssen wir versuchen, das aufzuholen, was andere Kinder im laufe der Jahre ganz selbstverständlich lernen. Bisher jedoch, ohne Erfolg.

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte mehr theoretisches Wissen über den Umgang mit Kindern die schon in frühen Jahren schreckliche Erfahrungen gemacht haben oder einfach verwahrlost aufwuchsen. So handle ich hier nach bestem Wissen und Gewissen und versuche mich von meiner Intuition leiten zu lassen. Aber dies ist ein armes Land und das Schicksal von diesen Kindern zählt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht viel. Es gibt in diesem Heim keinen ausgebildeten „Sozialarbeiter“ oder so etwas, was im „reichen“ Deutschland selbstverständlich wäre. Wenn die Kirche und die freiwilligen Förderer sich nicht dieser Kinder annähmen, dann wären sie der Straße ausgeliefert.

In den letzten Tagen habe ich genauer auf das Lernverhalten einiger Jungs geachtet und finde es unglaublich interessant zu sehen, welch großen Einfluss eine frühe Erziehung auf das spätere lernen, aber auch auf den Umgang mit anderen Menschen, Tieren und der Umwelt hat. Ich habe mich eines 12 jährigen angenommen, der kaum lesen und schreiben kann. Mit ihm arbeite ich jetzt täglich. Das Alphabet kann er nun und ich freue mich immer riesig, wenn er es mit mal zu mal flüssiger aufsagen oder schreiben kann.

Mit dem Padre, dem Priester, der das Heim leitet, habe ich fachlich nicht viel zu tun. Ab und zu reden oder Diskutieren wir über „Gott und die Welt“. Na ja, über Gott weniger, aber über die Welt ;-) Er ist nicht so ein „lieber Dorfpfarrer“ von neben an, wirkt auf mich ziemlich sehr klug und kultiviert. Bis auf die Tatsache, dass er eine gewisse Sympathie für die Ansätze der Hitler-Diktatur zu haben scheint, komme ich gut mit ihm aus. Es ist verrückt, wie hier Autoritäre Führer-Figuren „verehrt“ werden. Als ob sie diese als die richtige „Medizin“ für das mitunter chaotische und teilweise korrupte Politische System sehen. Den unglaubliche Rassenwahn und die totale Zerstörung, zu den diese Totalitarismus führte, ist ihnen indes nicht so bekannt…. Jedenfalls er lässt mir freie Hand und findet es gut, wie ich mit den Jungs umgehe und arbeite.

Die Kinder haben einen unglaublichen Respekt vor ihm, weil auch ihm mal die „ Hand ausrutschen“ kann. Mir hat er auch geraten, ich solle die kleineren Jungs auch mal schlagen falls sie zu frech werden. Mexiko ist einfach ein anderes Land mit anderen Wertvorstellungen über Respekt und Autorität. Das hatte mir mein Vater schon mal versucht zu erklären, als er mir von seiner Jugend erzählte, in der der Ledergürtel ein durchaus eingesetztes Mittel war, um bestimmte Ansichten zu vermitteln. Ich halte jedoch bislang wenig von Gewalt und habe meine eigenen Methoden mir den Respekt zu verschaffen. Und bis jetzt, muss ich sagen, klappt das sehr gut.

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Jetzt ist so weit! Durch glückliche Zufälle gelang es mir endlich eine Wohnung, die direkt im Zentrum der Stadt (ich habe es glaube ich noch gar nicht erwähnt, sie heißt: Tuxtla Gutierrez, Hauptstadt des Bundesstaates Chiapas) ist.

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Sobald ich dort eingezogen bin, kann ich meine restliche Freiwilligenzeit hier unabhängig und eigenständig leben (bislang war mein Alltag vom Alltag des Heims geprägt). Darauf freue ich mich ungemein! Ich denke, dann, kann hier mein „richtiges“ Leben beginnen Dann kann ich mich in meiner Freizeit stundenlang auf den Märkten mit ihrer unendlichen Vielfalt an Farben und Gerüchen aufhalten, wie ich es liebe. Abends kann ich auf zur Plaza gehen, ein mit Bäumen umsäumter Platz, wo man sich täglich (das ist hier halt Mexiko!) trifft um zu traditioneller Marimba-Musik zu tanzen und zu feiern. Die Mexikaner haben immer einen triftigen Anlass dafür…

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Die Menschen hier in Tuxtla, überwiegend eine Mischung aus Spanier und Indianer, sind alle sehr hilfsbereit und gastfreundlich. Die indigene Bevölkerung ist da deutlich zurückhaltender. Man erkennt sie an ihrem „indianischen“ Aussehen, das schon fast asiatisch wirkt mit ihren Mandelaugen und kohleschwarzen Haaren. Ihre wunderbare Tracht besteht aus bestickte Blusen und schwarze Fellröcke. Es ist hier in Chiapas fast unglaublich, wie die „modernen“ und indigenen Menschen so dicht nebenher leben. Ihre Welten sind derart verschieden und dennoch treten sie im Straßenbild gemeinsam auf.

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Ich habe im Vergleich zu meinem ersten Mexico-Aufenthalt im Rahmen des Schüleraustauschs hier ein vergleichsweise bescheidenes, einfaches Leben aber ich genieße es in vollen Zügen. In der „High Society“ zu leben war einfach und gemütlich. Natürlich habe ich auch wundervolle Erfahrungen bei diesen Mexicanos gemacht und meine Gastfamilie ist mir immer noch ganz nah am Herzen, fast wie meine Ursprungsfamilie! Aber ich muss euch sagen, wie froh – und auch ein Stück weit dankbar - ich bin, dass ich hier das „andere“ Mexico miterleben darf. Auch mit all den unglaublich traurigen Begegnungen mit diesen tollen Kindern, die kaum auf Aussichten im Leben hoffen dürfen. Und dann wieder diese unbedingte Lebenslust, die so typisch für die Menschen dieses wunderbaren Mexico ist.

Von Elena Tuxtla Dez 2010

Ich hoffe ihr übersteht das kalte Wetter im fernen Deutschland, während ich unter Palmen und 30 Grad das Leben genieße. Wie ich dazu komme, diesen unglaublichen Sonnenuntergang am Pazifik zu erleben und auch noch 1000 frisch geschlüpften Schildkröten ans Meer zu helfen, erzähle ich euch, wenn ihr mir hübsch schreibt wie bisher!

Eure Elena

Von Elena Tuxtla Dez 2010